Das Vertikalitätsvakuum: Warum einige Teams Schwierigkeiten haben, hoch...
2026-03-19
Im modernen Fußball ist das hohe Pressing zu einer allgegenwärtigen taktischen Waffe geworden. Von Jürgen Klopps Liverpool bis zu Pep Guardiolas Manchester City setzen Teams in ganz Europa aggressive Defensivschemata ein, um den Ball hoch auf dem Spielfeld zu gewinnen, den Spielaufbau des Gegners zu stören und sofortige Torchancen zu kreieren. Doch trotz der weiten Verbreitung und scheinbaren Effektivität dieser Pressing-Systeme tritt oft ein eigenartiges Phänomen auf: ein „Vertikalitätsvakuum“ in der Reaktion des Gegners. Viele Teams, selbst solche mit technisch versierten Spielern, haben Schwierigkeiten, den Raum, der *hinter* dem anfänglichen Pressing entsteht, konsequent auszunutzen.
Das Vertikalitätsvakuum identifizieren: Mehr als nur lange Bälle
Es ist leicht, die Gegentaktik auf einen langen Ball über die Abwehr zu reduzieren, aber das Vertikalitätsvakuum ist weitaus detaillierter. Es bezieht sich auf ein spezifisches Versagen, schnelle, präzise Pässe auszuführen, die die erste und zweite Drucklinie umgehen und es Angreifern ermöglichen, den Ball in gefährlichen Bereichen zu erhalten, bevor die Pressingstruktur sich neu formieren kann. Unsere Analyse bei xgoal.net zeigt, dass es hier nicht nur um einen Mangel an direkten Pässen geht; es geht um die *Qualität* und das *Timing* dieser Pässe, oft gekoppelt mit einem Mangel an koordinierter Bewegung von fortgeschrittenen Spielern.
Fallstudie: Atletico Madrids Kampf gegen Barcelonas Pressing
Betrachten wir ein kürzliches Spiel zwischen Atletico Madrid und Barcelona (2026-03-15). Barcelona, unter ihrem neuen Trainer, setzte ein unerbittliches 4-3-3-Hochpressing ein, wobei ihre vorderen drei Spieler aktiv den Ball jagten. Atletico Madrid, obwohl sie Mittelfeldspieler hatten, die für ihre Passreichweite bekannt sind, wie Koke und Rodrigo De Paul, hatten wiederholt Schwierigkeiten, durchzubrechen. Obwohl sie im Spiel 45 progressive Pässe versuchten, umgingen nur 12 davon erfolgreich zwei oder mehr gegnerische Spieler, eine Metrik, die wir als „Press-Breaking Progressive Passes“ (PBPP) bezeichnen. Entscheidend war, dass ihre durchschnittliche Progressive Pass Distance nur 18,7 Meter betrug, was eine Präferenz für kürzere, sicherere Optionen anstelle von durchdringenden Pässen in die Kanäle anzeigt.
Ein Hauptproblem war die Positionierung ihrer Flügelspieler, insbesondere Samuel Lino und Marcos Llorente. Obwohl beide fähige Dribbler sind, lag ihre durchschnittliche Empfangshöhe oft auf gleicher Höhe oder sogar hinter Barcelonas Außenverteidigern, anstatt den durch das fortgeschrittene Pressing geschaffenen Raum zu antizipieren. Dies bedeutete, dass, wenn Koke oder De Paul einen vertikaleren Pass versuchten, oft kein unmittelbares Ziel vorhanden war, um ihn in einem gefährlichen Bereich zu empfangen. Ihr xG aus Ballbesitzphasen, die in der eigenen Hälfte begannen, betrug magere 0,35, obwohl Barcelonas hohe Linie theoretischen Raum schuf.
Die Rolle des tief liegenden Spielmachers und der Angreiferbewegung
Die Lösung für das Vertikalitätsvakuum liegt in einer Kombination aus intelligentem Passspiel aus der Tiefe und koordinierter Bewegung der Angriffseinheit. Ein tief liegender Spielmacher, der in der Lage ist, weitreichende, präzise Pässe unter Druck auszuführen, ist entscheidend. Denken Sie an Thiago Alcântara bei Bayern München unter Hansi Flick oder neuerdings an Enzo Fernández bei Chelsea. Diese Spieler verteilen nicht nur; sie versuchen aktiv, mit ihren Pässen Linien zu durchbrechen.
Auch die Angriffsspieler müssen ihre Bewegung anpassen. Anstatt tief zu fallen, um eine Anspielstation zu bieten, müssen sie Läufe in die Kanäle und hinter die Abwehrlinie priorisieren. Bei der Analyse individueller Spielerdaten sehen wir oft, dass Angreifer in Teams, die mit Vertikalität zu kämpfen haben, einen niedrigeren „Press-Exploiting Run Index“ (PERI) aufweisen, eine Metrik, die Läufe in den von pressenden Verteidigern freigegebenen Raum verfolgt. Zum Beispiel betrug Atleticos Alvaro Moratas PERI gegen Barcelona nur 0,45, was darauf hindeutet, dass er nicht konsequent die Läufe machte, um den Raum hinter den Außenverteidigern oder Innenverteidigern auszunutzen, die zum Pressen aufgerückt waren.
Das Gegenbeispiel: Vertikalität nutzen
Vergleichen Sie dies damit, wie Arsenal unter Mikel Arteta oft mit hoch pressenden Teams umgeht. Spieler wie Martin Ødegaard und Declan Rice sind geschickt darin, Gabriel Martinelli oder Bukayo Saka mit schnellen, durchdringenden Pässen in die Kanäle zu finden. Ihre „Press-Breaking Progressive Passes“ (PBPP) übersteigen oft 20 pro Spiel, mit einer höheren durchschnittlichen Distanz. Auch die Bewegung ihrer Flügelspieler und Stürmer (Gabriel Jesus oder Kai Havertz) ist darauf ausgerichtet, den geschaffenen Raum auszunutzen. Ihre PERI-Werte sind durchweg höher, was einen konzertierten Versuch zeigt, in die freigewordenen Zonen zu laufen.
Die Lektion ist klar: Das Bekämpfen des hohen Pressings bedeutet nicht nur, ihm zu widerstehen; es geht darum, seine inhärenten Schwächen aktiv auszunutzen. Teams, die es versäumen, eine kohärente Strategie für Vertikalität zu entwickeln, die sich auf präzise, linienbrechende Pässe und intelligente, raumausnutzende Läufe konzentriert, werden weiterhin von der modernen Pressingmaschine erstickt werden.

